Die Ursache negativer Strompreise
Oft wird Erneuerbaren Energien unterstellt, die Ursache negativer Strompreise an der Strombörse zu sein, da deren hohes, aber fluktuierendes (Über-) Angebot so groß sei, dass es die Stromnachfrage übersteige. Daher müsse deren Strom teuer entsorgt werden. Diese Begründung ist jedoch falsch, da Preise bei einem Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage nicht negativ werden können, sondern bei einem Überangebot nur gegen Null tendieren können.
Doch was ist die Ursache für negative Strompreise an der Börse?
Negative Preise entstehen ausschließlich, wenn Zwänge vorhanden sind, die die Produktion eines Guts erzingen, das dann verkauft bzw. entsorgt werden muss, auch wenn es keine Nachfrage nach dem Gut gibt. Bei der Stromproduktion kann es folgende Zwänge geben:
- technische Zwänge
- betriebswirtschaftliche Zwänge
- marktliche Zwänge
- regulatorische Zwänge
Zu 1.: Technische Zwänge
Im Strommarkt gilt derzeit als technischer Zwang, dass zur Stabilisierung des Stromsystems derzeit noch die rotierenden Schwungmassen der Turbinen und Generatoren benötigt werden. Perspektivisch können die rotierenden Massen durch netzbildende Wechselrichter von Stromspeichern ersetzt werden. Somit entfällt der Zwang, zusätzlich zum Angebot aus erneuerbaren Energiequellen auch noch fossil befeuerte Kraftwerke in Betrieb zu halten.
Zu 2.: Betriebswirtschaftliche Zwänge
Als betriebswirtschaftlicher Zwang gilt bei Kraftwerken mit Dampfkesseln, dass diese thermischen Kraftwerke nicht schnell abgeschaltet werden können, da ein Risiko von Rissbildung in Kesseln besteht, das zur Alterung bzw. Abnutzung der Kessel führt. Diese Anlagen produzieren daher ggf. auch bei EE-Überschüssen zu negativen Preisen, um Restart-Kosten (bis 50.000 €/Zyklus) zu vermeiden.
Zu 3.: Marktliche Zwänge
Marktliche Zwänge entstehen aufgrund langfristigen Lieferverträge aus Termingeschäften, die bis zu sechs Jahre im Voraus abgeschlossen werden, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Stromproduktion erneuerbarer Energien nicht vorhersagbar ist. Fossile und teilweise EE-Kraftwerke müssen laufen, um feste Lieferverträge zu erfüllen, die Mindestmengen vorschreiben – unabhängig von Börsenpreisen. Das schafft künstliches Überangebot. Um negative Preise aufgrund von Marktzwängen zu vermeiden könnte der Gesetzgeber eine verpflichtende Integration von Klauseln in PPAs vorschreiben, die ein Abschalten bei negativen Preisen erlauben, ohne das Vertragsstrafen fällig werden. Das BMWK könnte per Verordnung (z. B. EnWG-Novelle) vorschreiben, dass neue Verträge eine „Negativpreis-Aussetzung“ enthalten, bei der Liefermengen reduziert werden können. Für bestehende Verträge könnten Übergangsregelungen mit Kompensation festgesetzt werden, um Umverhandlungen zu erzwingen. Solche Anpassungen sind bereits in Diskussion für die EEG-Reform 2026, um Marktsignale unverzerrt wirken zu lassen.
Zu 4.: Regulatorische Zwänge
Regulatorische Zwänge entstehen durch Fördersysteme wie das EEG, die EE-Betreiber historisch motivierten, bei negativen Preisen weiterzueinspeisen. Bis zu den Reformen (z. B. § 51 EEG) erhielt man die Marktprämie, solange negative Preise nicht 4-6 Stunden anhielten – ein Zwang, da Abschalten Förderverluste bedeutete. Seit EEG 2023/2025 (Solarspitzengesetz) entfällt die Vergütung bei negativen Preisen (ab 2 Stunden 2026, ab 1 Stunde 2027; Nullvergütung für neue PV ab 2 kWp), was diesen Zwang minimiert. Bei fossilen Anlagen wirken regulatorische Zwänge durch Must-Run-Verpflichtungen der Bundesnetzagentur (z. B. für Regelenergie), die Abschalten verbieten. Um negative Preise zu vermeiden, könnten Regulatoren (z. B. via EEG-Reform) Abschaltpflichten bei negativen Preisen vorschreiben, mit Kompensation für entgangene Erträge.
Fazit
Erneuerbare Energien haben keine negativen Strompreise, da deren Stromproduktion nahezu ohne Kostenaufwand elektronisch per Wechselrichter bei PV, bzw. durch Verstellung des Pitchwinkels von Rotorblättern bei Windkraftanlagen auf Null abgeregelt werden kann. Aufgrund deren Volatilität und derer zeitweiligen leistungsstarken Energieerzeugung über den aktuellen Bedarf hinaus treten überwiegend bei fossilen Kraftwerken Zwänge auf, die letztlich die Ursache der negativen Strompreise darstellen.
Liebe Leser*innen,
mich interessiert sehr, ob Sie meine Erklärung der Ursache negativer Strompreise nachvollziehen können, ob Sie weitere Gründe hinzufügen würden, oder ob Sie die Erklärung (teilweise) für falsch halten.
Hinterlassen Sie gerne unten einen sachlichen und konstruktiv-kritischen Kommentar oder schreiben Sie mir!
Ich freue mich über Rückmeldungen.
Mit sonnigen Grüßen
Andreas Horn
Hinweis:
Zur Ursache negativer Strompreise habe ich bereits in einem Newsletter-Artikel für den DGS-Newsletter zur sogenannten „Duck-Curve“ geschrieben. Die damalige Darstellung war etwas zu mono-causal und wird hiermit durch ein breiteres Verständnis ersetzt.

Schreibe einen Kommentar